Das Präfix cis beschreibt jene Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde und dieses durch Verhalten, Sprache und soziale Interaktionen immer wieder herstellen.

Anhand der äußeren, primären Geschlechtsmerkmale (also Penis, Hoden, Vulva, Vulvalippen, Venushügel) wird nach der Geburt festgelegt, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Diese Information wird in die Geburtsurkunde bzw. das Geburtenregister beim Standesamt übertragen. Die meisten Menschen identifizieren sich mit ihrem Geburtsgeschlecht; sind demnach also ein Cis-Mann oder eine Cis-Frau.

Jedoch ist das zugeschriebene biologische Geschlecht keineswegs so eindeutig, wie oft angenommen wird. Zwar gibt es körperliche Merkmale wie Chromosomen, Hormone und Genitalien, doch welche davon zur Bestimmung von „männlich“ oder „weiblich“ herangezogen werden – und wie sie gewichtet werden – ist historisch und kulturell geprägt. Es ist also konstruiert. So werden Normwerte für Hormone geschlechtsspezifisch festgelegt, was wiederum beeinflusst, wie Körper interpretiert werden: In der Medizin, im Sport usw. Körper existieren materiell. Wissenschaftler*innen und Theoretiker*innen der Gender Studies, wie beispielsweise Judith Butler oder Anne Fausto-Sterling, postulieren jedoch, dass Geschlecht nicht als starre, ausschließlich biologische Tatsache, sondern als Zusammenspiel körperlicher Merkmale, gesellschaftlicher Normen und kultureller Bedeutungszuschreibungen zu verstehen ist.

Wortherkunft

Das Wort cis stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „diesseits“. Demgegenüber steht der Begriff trans was so viel wie „jenseits“ bedeutet. Volkmar Sigusch, deutscher Psychiater und Sexualforscher, verwies Anfang der 1990er auf die notwendige Existenz von Zissexualität [sic.], wenn es Transsexualität[1] gäbe. Abweichungen von einer Norm setzen voraus, dass eine solche Norm überhaupt definiert ist. Während cis lange als unmarkierte, scheinbar „normale“ Geschlechtszugehörigkeit galt, wird diese durch die Benennung überhaupt erst kenntlich gemacht. Dadurch werden die bislang unsichtbaren Privilegien derjenigen, die dieser Norm entsprechen, reflektierbar. Mit anderen Worten: Die zuvor Unmarkierten werden durch die Begriffe bewusst markiert und damit als Teil eines normativen Systems erkennbar.

[1] Neben der Schreibweise von ‚Zissexualität‘ entspricht auch die Verwendung des Wortes ‚Sexualität‘ in diesem Zusammenhang nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Sprachgebrauch: Geht es bei cis und trans vor allem um die Identität und Selbstwahrnehmung einer Person (also Gender), nicht aber um die sexuelle Orientierung (homo-, bi- oder heterosexuell).

Cis-Normativität

Trans und cis stehen zwar in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander, bilden jedoch kein binäres System. Geschlechtsidentitäten drücken sich vielmehr in facettenreichen Nuancen, Übergängen und individuellen Selbstverortungen aus. Menschen erleben und beschreiben ihr Geschlecht unterschiedlich, sodass die Kategorien eher als Orientierung dienen, die tatsächliche Vielfalt geschlechtlicher Identitäten aber nicht vollständig abbilden. Anzunehmen, dass sich alle Menschen in die Kategorien cis und trans einordnen ließen, ist eine cis-normative Vorstellung. Das Äquivalent zur Heteronormativität ist die Cis-Normativität, also die Annahme, die Übereinstimmung von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität sei selbstverständlich oder „normal“.

Das Problem daran ist nicht nur die Herstellung binärer Kategorien, sondern vor allem die Annahmen, die mit ihnen verbunden sind: Es wird vorausgesetzt, dass alle Menschen cis-geschlechtlich sind und dass Geschlechtsidentität, Körper und soziale Erwartungen eindeutig zusammenpassen. Diese Annahmen treffen jedoch nicht auf alle Menschen zu. Cis-Normativität zeigt sich deshalb vor allem dann, wenn Personen, die diesen Erwartungen nicht entsprechen, Ausschlüsse oder Gewalt erfahren. Ein Beispiel sind Debatten um die Teilnahme von Transfrauen an Sportwettbewerben. Die damit verbundenen Vorstellungen darüber, wie „echte“ Frauen auszusehen oder welche körperlichen Merkmale sie zu besitzen haben, führten dazu, dass auch Cis-Frauen unter Generalverdacht gerieten, ihnen ihre Weiblichkeit abgesprochen und Hass entgegnet wurde. Wie etwa im Fall von Imane Khelif[1].

Ein weiteres Beispiel findet sich in der Wissenschaft. Medizinische und sozialwissenschaftliche Studien orientieren sich häufig implizit an cisgeschlechtlichen Lebensrealitäten. Dadurch werden Transpersonen entweder gar nicht erfasst oder ihre spezifischen Erfahrungen und gesundheitlichen Bedürfnisse bleiben unsichtbar. Die Folge ist, dass Forschungsergebnisse und daraus abgeleitete Versorgungsangebote nicht gleichermaßen auf alle Menschen zugeschnitten sind.

Cis-Normativität betrifft damit nicht ausschließlich Transpersonen. Starre Vorstellungen darüber, wer als „richtige“ Frau oder als „richtiger“ Mann gilt, treffen auch Cis-Personen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Sie erzeugt somit Ausschlüsse, indem sie bestimmte Formen von Geschlechtlichkeit, als selbstverständlich und andere als Abweichung behandelt.

[1] Imane Khelif ist eine algerische Boxerin. 2023 wurde Khelif kurz vor einem Finalkampf vom Boxweltverband IBA disqualifiziert, da sie angeblich einen nicht weiter erläuterten DNA-Test „nicht bestand“. Es folgte ein schnell gewonnener Kampf Khelifs im Jahr 2024, der erneut Debatten über ihre körperliche Überlegenheit im Zusammenhang mit der Frage nach ihrer Geschlechtszugehörigkeit befeuerte. Sowohl in Fachsportkreisen als auch medial war Imane Khelif Anschuldigungen und Mobbing ausgesetzt. Desinformationen bis hin zu Hass wurden ihr entgegengebracht. Der Fall löste weltweit Debatten über Geschlechtertests im Sport aus (https://www.deutschlandfunk.de/imane-khelif-boxen-geschlecht-100.html).