Was bedeutet Misogynoir?

Der Begriff Misogynoir ist eine Wortneuschöpfung der afroamerikanischen Professorin, Feministin, Autorin und Aktivistin Moya Bailey. Er setzt sich zusammen aus dem Englischen misogyny, also Frauenhass (oder Misogynie) und dem französischen Wort für „schwarz“, noir.

Das Konzept beschreibt die besondere Form der Unterdrückung, welche Schwarze Frauen erleben. Sie leben in einer Welt, die sowohl rassistisch als auch patriarchal geprägt ist. Daher sind sie als Schwarze Personen bzw. People of Color von Rassismus und als Frauen außerdem von Sexismus betroffen.

Misogynoir kann als eine Variante von Misogynie verstanden werden, die sich in Form von rassistischen und geschlechtsspezifischen Vorurteilen gegenüber Schwarzen Frauen äußert. Diese werden in unterschiedlich sichtbar – etwa durch sexuelle Übergriffe, sexualisierte Gewalt, Mikroaggressionen, Objektifizierung und Transmisogynie, um nur einige zu nennen.

Adultifikation Schwarzer Mädchen

Ein konkretes Beispiel für Misogynoir, das Topoka Ogette in ihrem rassismuskritischen Alphabet (2022) anführt, ist die sogenannte Adultifikation, die jungen, Schwarzen Mädchen entgegengebracht wird. Im Vergleich zu weißen Mädchen desselben Alters, glauben Erwachsene, dass Schwarze Mädchen weniger Zuwendung und Fürsorge benötigten. Sie werden als reifer und erwachsener wahrgenommen. Eine solche Zuschreibung hat konkrete Folgen: In der Schule werden an Schwarze Mädchen vergleichsweise höhere Anforderungen gestellt und ihnen wird mit mehr Strenge begegnet. Die Adultifikation kann also dazu führen, dass Lehrpersonal und andere fürsorgepflichtige Personen Schwarze Mädchen nicht altersentsprechend behandeln. Zudem spielen negative Vorurteile gegenüber Schwarzen Frauen bereits hier in der Schule eine Rolle: Wütend oder aggressiv zu sein, wird eher Schwarzen Mädchen zugeschrieben. Eine Hypersexualisierung[1] findet ebenfalls statt. Studien aus 2017 konnten dies aufzeigen[2].

Geschichte des Begriffs innerhalb der feministischen Bewegung

„Ain’t I a woman?“, fragte Soujouner Truth 1851 in ihrer Rede bei der Women’s Convention in Akron, Ohio. Truth, die als Kind versklavter Eltern geboren wurde und ab 1827 in Freiheit lebte, erlangte Bekanntheit durch ihre öffentlichen Reden gegen die Sklaverei. In einer Zeit, in der rassistische Strukturen zunehmend kritisch hinterfragt wurden, veranschaulicht ihre Rede bereits etwas, was Moya Bailey knapp 160 Jahre später als Misogynoir betitelt: Schwarze Frauen fragten sich, was sie von weißen Frauen unterscheide. „Why is Black womanhood discredited? Why do Black women have to look or carry themselves a certain way to be considered women?“[3] (dt. Warum wird die Weiblichkeit schwarzer Frauen infrage gestellt? Warum müssen schwarze Frauen auf eine bestimmte Weise aussehen oder sich verhalten, um als Frauen anerkannt zu werden?).

Insbesondere in der kritischen Auseinandersetzung mit feministischen Bewegungen ist der Begriff Misogynoir also wichtig. Waren diese oft ausschließlich und sind heute zum Teil noch überwiegend weiß und heterosexuell geprägt (white feminism), sodass Erfahrungen und Lebensrealitäten fehl(t)en: Die von Frauen of Colour und Migrant*innen, aber auch jene von behinderten, queeren und einkommensschwachen Frauen. Angela Davis, US-amerikanische Bürgerrechtlerin, schrieb in ihrem Buch Freedom Is a Constant Struggle (2015): „At the time of its [Black feminism] emergence, Black women were frequently asked to choose whether the Black movement or the women’s movement was most important. The response was that this was the wrong question“. Das macht deutlich, dass Misogynoir während der Frauenrechtsbewegung allgegenwärtig war und die Erfahrungen Schwarzer Frauen entscheidend prägte.

Zusammenfassung

Im Kern bezeichnet Misogynoir also die Anerkennung der Intersektionalität von Rassismus, Colourism und Sexismus. Die Diskriminierungsmerkmale race und Geschlecht addieren sich nicht, sondern bilden eine neue, verstärkte Form der Ungleichheit, die ein eigener Begriff benenn- und analysierbar macht.