Klassismus

Was bedeutet Klassismus?

Klassismus bedeutet die Einteilung und damit verbunden oftmals die Abwertung von Menschen auf Grund

  • ihrer sozialen Herkunft (z.B. welche Bildungsabschlüsse und  Berufe ihre Eltern haben oder in welcher Umgebung sie aufgewachsen sind)
  • ihrer ökonomischen Position (z.B. wieviel sie in ihrem Beruf verdienen oder ob sie über ein Vermögen verfügen) und
  • ihrer Milieuzugehörigkeit (z.B. welchen Schulabschluss sie haben oder welche Interessen).

Das heißt, Klassismus richtet sich meist gegen einkommensarme, erwerbslose und wohnungslose Menschen. Dabei hat Klassismus Auswirkungen auf die Lebenserwartung und begrenzt den Zugang zu Wohnraum, Bildungsabschlüssen, Gesundheitsversorgung, Macht, Netzwerken, Teilhabe, Anerkennung und Geld.

Frauen* sind oftmals in besonderer Weise von klassistischen Ausschlüssen betroffen, da sie im Schnitt 21% weniger verdienen als Männer und  insbesondere im Alter oder als alleinerziehende Mütter von einem hohen Armutsrisiko bedroht sind.

Was ist der geschichtliche Hintergrund zu Klassismus?

Der Begriff „Klassismus“ bzw. „classism“ (engl.) wurde erstmals in den 1970er Jahren in den USA erwähnt und gelang vor allem in die wissenschaftliche Debatte durch seine intersektionale Verschränkung mit anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus. So wurde auf klassistische Diskriminierung vor allem durch Personen und Gruppen aufmerksam gemacht, die mehrfachdiskriminiert werden, also zum Beispiel durch Gruppen innerhalb der Frauen*bewegung, wie z.B. das us-amerikanische feministisch-lesbische Kollektiv „The Furies“ in den 1970-igern oder die westdeutsche Proll-Lesbengruppen Ende der 1980er- Jahre, Trans*Personen oder Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

Wie wirkt Klassismus?

Der Begriff der Klasse oder die Klassenzugehörigkeit kann nicht eindeutig definiert werden, da es sich – wie bei vielen anderen Diskriminierungsformen auch – um eine sozial konstruierte Kategorie handelt, die an Zuschreibungen anhand von Beruf oder Einkommen, aber auch an Bildung(sstand), kulturellem Wissen, Milieuzugehörigkeit oder politischen Einstellungen festgemacht wird.

Ausschlüsse werden hierbei auch über den sozialen Habitus (Pierre Bourdieu), also Aspekte wie Sprache, Ausdruck, Dialekt, Name, Wohnort, Aussehen, Kleidungsstil, Freundeskreis, Gewohnheiten, aber auch Musikgeschmack oder Freizeitverhalten zum Ausdruck gebracht. In der Soziologie wird hier neben ökonomischem Kapital, wie Eigentum oder Vermögen auch von kulturellem und sozialem Kapital gesprochen. So wird z.B. auch von Hochkultur in Abgrenzung zur Populärkultur gesprochen oder sich innerhalb eines akademischen Milieus oft über bestimmte Vornamen wie „Kevin“, „Jaqueline“ oder „Chantale“ oder bestimmte Dialekte lustig gemacht.

Oftmals bestehen kaum Auswege aus einer klassistischen Diskriminierungsspirale. So besuchen Kinder aus Familien mit geringerem Einkommen und geringerer Bildung oftmals weniger häufig ein Gymnasium, studieren weniger häufig und arbeiten daher häufiger im Niedriglohnsektor und haben geringere Aufstiegsmöglichkeiten und zu vielen kulturellen Angeboten keinen Zugang.

Hingegen werden Menschen oberer gesellschaftlicher Schichten oftmals finanzielle Sicherheit, wichtige Karrierenetzwerke und Kontakte gewissermaßen „in die Wiege gelegt“, wodurch soziale Ungleichheiten reproduziert, sprich weitervererbt werden.

Auch bei der Stigmatisierung von Arbeitslosengeld-II-(Hartz 4)Empfänger*innen handelt es sich um eine klassistische Diskriminierung. So wird die Schuld an der eigenen Arbeitslosigkeit oftmals den Betroffenen gegeben und so strukturelle Hürden ausgeblendet und individuelle Eigenverantwortung in den Vordergrund gestellt. Der Soziologe Andreas Kemper spricht hierbei davon, dass soziale Unterschiede naturalisiert werden. So herrscht oftmals das Vorurteil Menschen aus „höheren Klassen“ hätten sich ihren Wohlstand verdient und hart erarbeitet, während ärmere Menschen einfach zu faul oder zu dumm wären. Unterschiedliche Ausgangsbedingungen und strukturelle Ausschlussmechanismen werden hierbei völlig ausgeblendet. So führt Klassismus auch zu Scham und der Abgrenzung von anderen Betroffenen. Klassenprivilegien werden selten benannt.

Häufig wird in Diskussionen zu Klassismus der weiße Arbeiter in den Vordergrund gerückt. Tatsächlich sind jedoch auch viele Trans*-Personen, alleinerziehende Mütter oder Menschen, die Rassismus erfahren, von Klassismus betroffen.

Informationen im Netz
  • Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz nennt die soziale Herkunft und Position nicht als Diskriminierungsdimension, was vielfach schon als Leerstelle kritisiert wurde: Welche Diskriminierungsgründe braucht das AGG?.
  • Das Institut für Klassismusforschung unterstützt die Forschung und Beschäftigung mit dem Thema Klassismus durch Vorträge, Diskussionsbeiträge und eine Sammlung von Material wie Literatur, Internetlinks und Filmen zum Thema. Hinter dem Institut für Klassismusforschung „verbirgt“ sich eine Gruppe von Working Class/ Poverty Class Academics, eine Gruppe von Akademiker*innen aus der Arbeiter*innen oder Armutsklasse, die sich zunächst in den USA zusammen fanden und die es seit 2012 auch in Deutschland gibt.
  • arbeiterkind.de ermutigt Schüler*innen aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu, als Erste in ihrer Familie zu studieren. 6.000 Ehrenamtliche engagierten sich bundesweit in 80 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen, um über die Möglichkeit eines Studiums zu informieren und sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss und Berufseinstieg zu unterstützen.
  • Die Seite von kikk (Klassismus ist keine Kunstepoche) beschäftigt sich mit der intersektionalen Verschränkung von Klassismus und anderen Diskriminierungsformen.
Bücher
  • In dem Sammelband „Solidarisch gegen Klassismus“ diskutieren Aktivist*innen, Kulturarbeiter*innen und Forscher*innen, wie ein Kampf gegen Klassismus aussehen kann. Sie analysieren klassistische Strukturen, entwerfen Strategien solidarischen Handelns und bauen Räume des Widerstands auf. Der Sammelband erscheint voraussichtlich im Herbst 2020.
  • Julia Roßhart hat sich in ihrer Dissertation mit „Klassenunterschieden im feministischen Bewegungsalltag und antiklassistischen Interventionen der Frauen- und Lesbenbewegung der 80iger und 90iger in der BRD“ auseinandergesetzt.
  • Die Schwarze feministische Wissenschaftlerin bell hooks wies 2000 in dem Buch „Where We Stand: Class Matters“ auf die Bedeutung von Klasse und die Verwobenheit mit Rassismus und Sexismus hin.
  • Anja Meulenbelt nutzte in ihrem 1988 erschienenen Buch „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“ (Rowohlt-Verlag) den Klassismusbegriff, um über ökonomische Ausbeutung von Menschen hinaus, auch die tägliche Abwertungserfahrungen zu beschreiben, die Menschen aus der Arbeiter*innenklasse machen.
  • Nina Degele und Gabriele Winker beleuchten in ihrem Buch „Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ soziale Ungleichheit und Klassismus aus einer intersektionalen Perspektive.

Redaktion

Sinah Hegerfeld I letzte Aktualisierung 03.07.2024