Wie ist das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*?

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass weltweit bis zu 70 Prozent aller Frauen* mindestens einmal im Laufe ihres Lebens Opfer physischer, psychischer oder sexueller Gewalt wie bspw. in Form von Frauenhandel, Zwangsprostitution, Vergewaltigung oder Genitalverstümmelung werden. Vor allem in Kriegs- und Krisengebieten erfahren Frauen* und Mädchen* Gewalt und Missbrauch.

Aber auch in der EU sind Frauen* und Mädchen* von Gewalt betroffen. Eine Veröffentlichung der EU-Grundrechteagentur FRA über Gewalt an Frauen* zeigt, dass das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen* in der Europäischen Union wesentlich größer ist als bislang angenommen: jede dritte Frau* in der EU hat seit dem Alter von 15 Jahren eine Form des körperlichen und/oder sexuellen Übergriffs erlebt. Insgesamt hat jede zehnte Frau* seit ihrem 15. Lebensjahr irgendeine Form der sexuellen Gewalt erfahren [1].

Auch in Deutschland ist sexuelle Belästigung von Frauen* und häusliche Gewalt immer noch weit verbreitet. Zu den Formen der häuslichen Gewalt zählen dabei nicht nur körperliche Übergriffe, sondern auch psychische Gewalt wie Drohungen oder Demütigungen. Die Zahl der Betroffenen lässt sich nur schwer bestimmen, da die Opfer oft emotional an die Täter gebunden sind und häusliche Gewalt oder sexueller Missbrauch so nur selten angezeigt werden. Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 gibt bspw. an, dass in 85,7 Prozent der Fälle sexualisierter Gewalt die Polizei gar nicht erst eingeschaltet wird [2].

Trotzdem lässt sich feststellen, dass jede vierte bis fünfte Frau* in ihrer Kindheit von sexualisierter Gewalt betroffen war; 34 Prozent der Frauen* haben seit dem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt in Form von erzwungenen oder ungewollten sexuellen Handlungen sowie schwere sexuelle Belästigung erlebt. 6 Prozent der deutschen Frauen* sind im Erwachsenenalter mindestens einmal vergewaltigt worden, 4 Prozent haben mindestens eine versuchte Vergewaltigung erlebt. Fast 60 Prozent der Frauen* in der BRD wurden schon mindestens einmal sexuell belästigt [3].

Im Jahr 2015 wurden laut einer kriminalistischen Auswertung des BKA insgesamt 127.457 Personen durch ihre (Ex-)Partner(*innen) Opfer von Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung oder Stalking, davon waren knapp 82 Prozent der Opfer Frauen*. Bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen* sind 99 Prozent der Täter männlich, bei sexualisierter Gewalt gegen Mädchen* und Jungen* sind es 80 bis 90 Prozent [3].

Frauen* mit Behinderungen/Beeinträchtigungen sind besonders von Gewalt in jeglicher Form betroffen. So erfahren fast 50 Prozent der Frauen* mit Behinderung sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenalter. Neben der direkten personalen Gewalt gegen Frauen* mit Behinderung sind sie außerdem vielfältigen Formen von Diskriminierung und struktureller Gewalt ausgesetzt [4].

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt ist nach Auffassung der Gewerkschaft der Polizei eine noch immer weitgehend unterschätzte Straftat im Alltag. Beziehungsgewalt stellt die Hauptursache für den Tod oder für Gesundheitsschäden bei Frauen* zwischen 16 und 44 Jahren dar. Damit führt häusliche Gewalt noch vor Krebserkrankungen oder Verkehrsunfällen zu Gesundheitsschäden bei Frauen*.

Umstritten ist bei Studien zur Ermittlung häuslicher Gewalt, welche Handlungen als Gewalt eingestuft werden. So reicht das Spektrum von verbalen Bedrohungen und Schubsen bis hin zu Schlägen und Gewaltanwendungen mit Waffen. Auch das gesamte Spektrum psychischer Misshandlungen wird erst sehr zögerlich gesellschaftlich wahrgenommen und als Gewaltform akzeptiert. Hier fällt es selbst Betroffenen oft lange Zeit schwer, diese Form der Gewalt als solche anzuerkennen [3].

Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt umfasst sexuelle Handlungen, die gegen den Willen einer Person durchgeführt werden. Sexualisierte Gewalt umfasst alltägliche Praktiken wie unangemessene Anmachen oder Belästigungen und reicht bis zu aufgedrängten Berührungen und (versuchten) Vergewaltigungen [5].

Generell ist davon auszugehen, dass gerade bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung eine hohe Dunkelziffer besteht, d.h. das reale Ausmaß sexualisierter Gewalt in Deutschland wird statistisch nicht sichtbar. Hinzu kommt, dass der überwiegende Anteil an sexualisierten Straftaten von Tätern aus dem unmittelbaren Umfeld der Betroffenen verübt wird. Bei etwa der Hälfte der Täter handelt es sich um (Ex-)Partner oder Geliebte. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung handelt es sich bei lediglich 15 Prozent um Fremdtäter, d.h. der überwiegende Teil sexualisierter Gewalt findet in der eigenen Wohnung statt [3].

Hinsichtlich sexualisierter Gewalt sind außerdem verzerrte Vorstellungen weit verbreitet und gesellschaftlich verwurzelte Mythen dienen dazu diese Gewaltform gegen Frauen* zu leugnen oder zu verharmlosen. Zu diesen Mythen gehört bspw. die Vorstellung eine Frau*, die Minirock trägt, fordere eine Vergewaltigung geradezu heraus und sei somit selbst dafür verantwortlich.

Ebenso mächtig ist immer noch der Mythos der „falschen Beschuldigung“ gegen Männer* als Täter sexualisierter Gewalt. Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, ist der gesellschaftliche Reflex oft der, dass sofort Gründe und Motive bemüht werden, warum diese falsch sein könnten. Dabei ist die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Solche Fälle sind so selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau*, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe setzt den Anteil der Falschbeschuldigungen in Deutschland bei drei Prozent an und beruft sich auf eine europaweite Studie zur Strafverfolgung von Vergewaltigung [6].

Ein weiterer momentan häufig bedienter Mythos ist der des „sexuell übergriffigen Fremden“, bei denen geflüchtete Menschen/Männer* als gefährlich konstruiert werden. Vor allem Neonazis und Rechtspopulist*innen bedienen und schüren dieses Bild. Ihnen geht es jedoch nicht um eine Auseinandersetzung mit legitimen Ängsten von Mädchen* und Frauen* vor Übergriffen durch andere Menschen, sondern sie instrumentalisieren diese Ängste. Ihnen geht es nicht um den Schutz der Opfer oder Betroffenen oder um das Verarbeiten erlebter Gewalt. Sie verfolgen vielmehr das Ziel mit Angst- und Stimmungsmache Zustimmung zu ihrer menschenverachtenden Ideologie zu erlangen [5]. Der „fremde Täter“, der am unbekannten Ort eine Frau* überfällt, ist statistisch gesehen eher die Ausnahme [3/5].

Hilfsangebote für Frauen*

Vielen Frauen* fällt es schwer Hilfsangebote anzunehmen. Gründe dafür können Scham oder Schuldgefühle sein sowie Unsicherheit darüber, was sie erwartet und welche Konsequenzen das Offenlegen ihrer persönlichen Situation für sie hat. So bleibt die öffentliche Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen* bis heute hinter deren tatsächlichem Ausmaß zurück und nur ein begrenzter Teil der Betroffenen erfährt die notwendige Unterstützung.

  • Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen hat die Nummer 08000 116 016. Es bietet rund um die Uhr Unterstützung für betroffene Frauen* in verschiedenen Sprachen, Gebärdensprache, Leichter Sprache sowie Online-Beratung. Auf der Website Hilfetelefon gibt es weiterführende Informationen.
  • Im Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe sind rund 170 Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe zusammengeschlossen. Seit mehr als 30 Jahren finden Frauen* und Mädchen*, die von Gewalt betroffen sind, durch diese unkompliziert und wohnortnah Hilfe. Der bff repräsentiert die Beratung in diesem Bereich in Deutschland.
  • Die Landesarbeitsgemeinschaft der Frauenhäuser und Interventionsstellen Sachsen bietet Informationen und ist Anlaufstelle für von Gewalt betroffene Frauen* und Kinder. Es bietet eine Liste aller Frauen- und Kinderschutzhäuser der LAG in Sachsen sowie aller Interventionsstellen.
  • Das Gewaltschutzgesetz (GewSchG) wurde 2002 verabschiedet. Seitdem kann häusliche Gewalt nicht mehr als „Familienstreitigkeit“ oder Privatangelegenheit bagatellisiert werden. Mit dem Gesetz wurden zentrale rechtliche Vorschriften zur Bekämpfung von Gewalt im Allgemeinen und von häuslicher Gewalt im Besonderen geschaffen. Es bietet Hilfe für Personen, die innerhalb des häuslichen Umfeldes von Gewalt betroffen sind.

Hilfsangebote für Männer*

Auch für Männer*, die Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt werden, sind die Hürden, sich Hilfe zu suchen, hoch. Es entspricht, gesellschaftlich betrachtet, nicht der männlichen Rolle Opfer von Gewalt zu werden. Nur wenige männliche Betroffene wenden sich an Hilfenetze, sie werden dort aber beraten und begleitet.

  • Das Männernetzwerk Dresden, LEMANN e.V. aus Leipzig und Weissenberg e.V. aus Plauen haben die ersten Männerschutzwohnungen in Sachsen für männliche Opfer von häuslicher Gewalt und deren Kinder eingerichtet. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen bietet im Rahmen ihres Projekts Gib dich nicht geschlagen Hilfe und Informationen für Männer*, die von Gewalt betroffen sind. In Leipzig gibt es auch einen 24-Stunden-Notruf unter 0341/22 39 74 10.
  • Das Männernetzwerk Dresden bietet im Rahmen der Projekte „Mirror“ und „Escape“ Unterstützung für Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen Gewalt angewendet haben oder befürchten, in Momenten der Überforderung Gewalt anzuwenden. ESCAPE arbeitet im Bereich Täterarbeit im Kontext häuslicher Gewalt, dient dem Opferschutz und gibt Tätern und Täterinnen die Chance, gewaltfreie Handlungskompetenzen zu erlernen und diese zu erweitern.